Kurzgeschichten aus einer anderen Welt

— aus den Erzählungen des Rosshor, aufgeschrieben von einem Unbekannten, bewahrt in der Grubenbibliothek des Weißen Waldes —

Ich schaute nach vorne und sah nur eine weite weiße Fläche. Ab und zu ragte ein einzelner toter Baum heraus, dessen kahle Zweige sich unter dem Gewicht des Schnees bogen und abzubrechen drohten. Andere Wesen sah ich keine und keine Spuren, die auf Leben hinwiesen. Die Schneeschicht war zu tief.

Beharrlich und zitternd stapfte ich weiter und mein Stiefel versank erneut im Tiefschnee. Immer schwerer wurde es ihn wieder hinauszuziehen. In dicke Felle gewickelt war ich nun schon drei Wochen unterwegs und mein Nahrungsvorrat ging zur Neige. Noch eine getrocknete Winterbeere hatte ich bei mir. Den ganzen Tag mühte ich mich Schritt um Schritt weiter und suchte dabei einen geschützten Fleck, an dem ich die Nacht verbringen kann. Doch seit einigen Stunden sah ich weit und breit keinen Schutz, nicht mal einen Hügel. Alles war flach.

Es war bereits Nachmittag und angesichts der ungeschützten Ebene fing ich immer früh an, gezielt Ausschau zu halten. Und ich betete, wie jeden Tag zu Raucaas, unserem Gott.

Wenn ein Sturm aufzieht, wie letzte Nacht, muss ich hier erfrieren. Raucaas, hilf mir und sende mir Schutz in der Nacht.

Der Wind hatte plötzlich gedreht und kam nun aus dem Süden. Pfeifend schlug er mir auf meinen Gesichtsschutz. Ich zog meine Wollmütze noch tiefer ins Gesicht und konnte durch die engen Sehschlitze kaum noch etwas erkennen. Zur groben Kälteabwehr hatte ich eine dicke Fettschicht aufgetragen, die mich bisher vor Erfrierungen bewahrte. Aber trotzdem drang die eisige Kälte auf meine Haut und ließ mich frieren.

Gegen den Wind ankämpfend, wurde es noch anstrengender und beinahe unmöglich voranzukommen. Nach einiger Zeit gab ich auf, so kam ich nicht weiter. Da ich auch kein Ende der Schneewüste entdecken konnte, machte ich an Ort und Stelle halt. Die Kälte trieb mir mittlerweile Tränen in die Augen. Halb blind fing ich an, in langsamen Bewegungen eine Mulde zu schaufeln. Ich hatte kein Werkzeug mitgenommen, daher musste ich meine Hände als Schaufel benutzen. So dauerte es lange bis eine kleine Mulde entstand, in die ich mich in dieser Nacht zurückziehen konnte. Wenigstens vor dem harten und eisigen Wind konnte ich darin Schutz finden.

Müde und immer stärker fröstelnd setzte ich mich auf ein winziges Sitzkissen. Mein Bruder hatte es mir mitgegeben, es war mit Schafswolle gefüllt und gerade genug, um nicht direkt auf dem kalten Schnee zu sitzen. Weil es im Winter schnell dunkel wurde, hatten sie mir auch Brennholz mitgegeben, um ab und zu ein kleines Feuer zu machen. Bis jetzt hatte ich mir die wenigen kleinen Holzspäne aufgespart und sie trocken gehalten in meinem Beutel. In dieser Nacht aber würde ich ein Feuer brauchen.

Ich schaffte es tatsächlich nach vielen Versuchen ein paar Funken zu erzeugen, doch konnte ich kein Feuer anfachen. Nach einiger Zeit gab ich das Feuer dann verzweifelt und hoffnungslos auf und verpackte die Späne wieder trocken in einen Lumpen.

Mein Blick wandte sich gen Himmel und wieder flehte ich zu Raucaas, er solle mir helfen. Dabei betrachtete ich die Sterne, die funkelnd am Firmament standen. Ich hatte Angst und mir war kalt. Am ganzen Körper spürte ich nun die Kälte. Sie war so kalt, dass ich heftige Stiche wie von langen Nadeln wahrnahm. Doch die momentane Hoffnungslosigkeit stahl mir die letzte Wärme aus dem Herzen. Lange saß ich dort und dachte an meine Freunde und an alte Sagen und Mythen. Es wurde rasch dunkel und als bald darauf nur noch die Sterne Licht spendeten, versuchte ich noch einmal verzweifelt ein wärmendes Feuer zu entzünden. Doch wieder blieb es bei einzelnen Funken. Dann zog ich den Mantel und die Felle enger um mich und legte mich hin.

Von Minute zu Minute wurde mir bewusster, dass diese Reise, die ich im Auftrag meines Herrn angetreten habe und die so vielversprechend begonnen hatte, schon auf der ersten Etappe scheitern würde. Ich würde es nicht einmal durch die Schneewüste schaffen. Dabei war ich für meinen Herrn der letzte Halm gewesen, an den sich mein ganzes Volk geklammert hatte. Alle hatten sie auf mich gebaut und mich auserkoren, diese Aufgabe zu übernehmen. Raucaas selbst hatte mich bestimmt, mit seinen Hinweisen hatte er erst auf mich aufmerksam gemacht. Ich fragte mich, ob wir die Zeichen falsch gedeutet hatten und  dass Raucaas deswegen keinen Grund sah, mich zu beschützen.

So verbrachte ich wohl noch einige lange Minuten und langsam schlossen sich meine Augen zu schmalen Schlitzen.

Da schob sich ein Schatten vor die Sterne und Dunkelheit trat vor meine Augen. Eine Gestalt war auf der Schneekuppe, die ich aufgeschüttet hatte, erschienen. In Erwartung nun in die Ewige Runde der Verstorbenen begleitet zu werden, streckte ich mit letzter Kraft meinen Arm aus und ein schwaches “Raucaas” drang über meine Lippen.

Da hörte ich eine klare Stimme: „Bist du Rosshor?“

Die Frage war bestimmt, aber dennoch erschien sie mir freundlich gemeint. Ich bekam zuerst nur ein Kratzen aus mir heraus. Dann antwortete ich mit rauer Stimme. „Ja, Rosshor von der Eisdornenburg!“

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