Erst war es nur ein Flimmern in der Luft, eine leichte Vibration. Nicht wahrnehmbar für einen Menschen. Die Tiere im Wald jedoch spürten sehr wohl das nahende Unheil. Sie suchten das Weite und eine gespenstische Stille legte sich über die wenigen Bäume, die den Namen Wald nicht unbedingt verdienten. Vereinzelt knackte ein Ast, andernorts schabten schlecht geölte Rüstungsteile aneinander. Seufzen, ein schweres Atmen, mehr war nicht zu hören.
Nervosität, Anspannung und aufkeimende Angst waren die überwiegenden Gefühle, die sich unter den Menschen verbreiteten. Obwohl sie die Ursache für die Veränderungen im Wald nicht orten konnten, so wussten sie dennoch was es bedeutete. Es konnte nur einen Grund geben, deswegen waren sie überhaupt hier. Vor mehr als zwei Wochen hatten sie sich vom Rest getrennt. Zwei Wochen, die alles andere als geplant verliefen, ganz im Gegenteil. Zum Zeitpunkt des Aufbruchs waren sie 150 tapfere, starke und angesehene Soldaten gewesen, stolz ihr Volk zu vertreten. Jetzt zählten sie 67 unversehrt oder leicht verletzte und 5 schwer verletzte und damit kampfunfähige Männer. Bis auf wenige Rucksäcke hatten sie all ihr Proviant bereits nach vier Tagen verloren, zusammen mit all ihren Pferden.
Barls Griff um seinen Speer wurde fester, noch fester als er ihn ohnehin schon hielt. Seine Fingerknöchel stachen weiß hervor, sein Gesicht war blass. ,,Nur die Ruhe“, flüsterte Gatan, Hauptmann der Schar: ,,es wird uns hier schon nichts geschehen.“ Barl wusste, dass sein Hauptmann genau so wenig an die Worte glaubte wie er, dennoch spendeten sie ihm ein wenig Trost. Vielleicht hatte diese Odysee ja bald endlich ein Ende. Der jüngste und unerfahrenste der Gruppe hatte die Worte Gatans ebenfalls vernommen, beruhigend wirkten sie jedoch nicht auf ihn, eher im Gegenteil. ,,Wir werden alle sterben“, brachte er mit erstickter Stimme hervor.
,,Sei ruhig Tongun! So weit wird es nicht kommen! Wir“, noch ehe Gatan aussprechen konnte was er dachte, wurden seine Sinne abgelenkt. Ein dumpfes Grollen hatte er vernommen, langsam hob sich sein Blick. Ein Fauchen zerriss die Stille. Alamiert schaute er zwischen den Baumkronen hindurch gen Himmel. Seine Augen weiteten sich panisch und dann brach die Hölle los.
Ein Feuersturm fegte durch den Wald und hinterließ eine brennende Schneise, Soldaten schrien aus Angst. Zwei der Späher konnten nicht mehr rechtzeitig reagieren und standen in Flammen, brüllend vor Schmerz. Bäume fielen um, brennende Äste stürzten zwischen die panisch umherrennenden Soldaten, es war ein einziges Chaos. Ein Feuerball traf einen Baum in der Nähe von Barl, sofort brannten die Äste lichterloh. Instinktiv warf er sich zu Boden, ein zweiter Feuerball verpasste ihn knapp und verwandelte den Baum, neben dem er kurz vorher noch Schutz gesucht hatte, in eine Fackel.
Trotz der Panik versuchte Gatan seine Männer beisammen zu halten, doch seine Befehle gingen in dem Tumult ungehört unter. Vereinzelt richteten Soldaten ihre Bögen zum Himmel, doch ehe sie auch nur einen Pfeil schießen konnten, wurden sie gnadenlos verbrannt. Es war erneut geschehen, der Drache war gekommen.
Mit seinen großen, ledernden Schwingen hob sich der Drache wieder höher in die Luft. Seine scharfen Augen erlaubten ihm auch aus dieser Höhe zu erkennen, welches Unheil er über die Menschen gebracht hatte, zum zweiten Mal. Vor 15 Tagen hatte es begonnen. Er konnte die Bilder noch immer nicht verdrängen, wie diese lächerliche Zahl an einfältigen Menschen ihn verspottend damit begonnen hatte den großen Berg, seinen Berg, zu besteigen und ihn herauszufordern. Wut stieg in ihm auf. Wut und Hass auf diese Menschen, für die er nicht mehr übrig hatte als Verachtung. Nur seiner Gnade hatten sie es zu verdanken, dass nur etwa die Hälfte seiner Gegner seinen feurigen Atem zu spüren bekommen hatte. Er hätte auch direkt alle verbrennen können. Als Entschädigung für die Ruhestörung riss er sich 5 der Pferde, die in Panik durchgegangen waren. Im Nachhinein stellte er fest, dass alle Pferde geflohen waren. Ganz genau gemerkt hatte er sich die Talsenke an der westlichen Bergflanke, in welche ein Großteil der Pferde flüchtete. Er würde sicher noch ein paar Mal dorthin zurückkehren, denn die Pferde schienen einer guten Zucht zu entspringen und waren auch dementsprechend köstlich.
Er lenkte seine Aufmerksamkeit wieder auf das brennende Waldstück unter sich. Ein Teil der Menschen war bereits tot. Einige schienen noch im Wald umherzuirren, andere flohen panisch über die Ebene in alle Himmelsrichtungen. Eigentlich hatte er die restlichen Menschen verschonen wollen, doch als er vorgestern sah, dass sie sich hier am Fuße des Berges neu sammelten, beschloß er, sich ihnen endgültig zu entledigen. Er legte seine schweren Schwingen ganz eng an den Körper und stürzte sich der Erde entgegen. Trotz seiner Größe und seinem enormen Gewicht fing er sich mit wenigen Flügelschlägen elegant ab und nahm die Geschwindigkeit mit in die Parallele zum Boden. Er folgte einer Gruppe von Soldaten und als er über ihnen war, griff er mit seinen riesigen Klauen zu, schnappte sich 4 der Männer und erstickte ihre Schreie in dem er sie einfach zwischen seinen Klauen zerquetschte. Die deformierten, leblosen Körper ließ er einfach zu Boden fallen. Gekonnt flog er einen engen Bogen und hielt auf die übrigen Soldaten der kleinen Gruppe zu. Ehe diese reagieren konnten, gingen sie in seinen Flammen auf.
Langsam aber sicher fand er Gefallen an seinem Werk. Er machte seinem Ärger Luft und konnte zugleich sein Feuer versprühen, wie er es schon viel zu lange nicht mehr getan hatte. Seinen letzten Kampf bestritt er vor vielen hundert Jahren gegen einen kleinen aufsässigen Jüngling, einen Erddrachen. Doch obwohl er, wie jeder andere Drache auch, ein Gedächtnis besaß, das die Zeitalter überdauerte, konnte er sich beim besten Willen nicht mehr an den Namen seines Widersachers erinnern. Möglicherweise hatte er diesen aber auch einfach nicht erfahren, ehe er seinem Gegner mit seinen scharfen Krallen den Hals aufschlitzte. An jenem Tage war es Pflicht gewesen zu kämpfen, denn unter Drachen ging man einer Herausforderung niemals aus dem Weg, auch wenn der eigene Tod Gewissheit war. Das war eine Sache der Ehre, und Ehre bedeutete den Drachen viel. Das Gemetzel, welches er unter den Menschen anrichtete, war hingegen pure Rache für ihre Unverschämtheit
Eine weitere Gruppe fand durch seinen grün-bläulichen Feuerball den Tod. Dann machte er sich auf die Jagd nach weiteren Fliehenden. Auch wenn er jedem einzeln nachjagen musste, er wollte niemanden entkommen lassen.
Dadurch, dass der Drache zunächst Jagd auf alle machte, die flohen, hatte Gatan ein wenig Zeit sich einen Überblick über die Situation zu verschaffen. Der Wald war das reinste Feuerinferno, niemand würde dort drinnen noch leben. Zu seinem Glück waren er, Barl, Tongun und 8 andere Soldaten gerade noch der Flammenhölle entkommen. Allen restlichen Begleitern, die noch im Wald waren, erging es da anders. Ihre langsam verstummenden Schreie und der bestialische Gestank von verbranntem Fleisch waren nur zwei Anzeichen dafür.
Gatan atmete schwer, nicht zuletzt wegen der heißen, trockenen und stinkenden Luft, aber das Ausmaß der Verwüstung, die der Drache angerichtet hatte, war grausamer als befürchtet.
Innerlich verfluchte er sich dafür, dass er sich für diese Mission auch noch freiwillig gemeldet hatte. Er wusste von Anfang an, dass es Wahnsinn war. Aber es würde auch Ruhm und Ehre bedeuten, sollte er Erfolg haben und den Drachen besiegen. Er und seine Schar waren somit nur die Vorhut für ein ganzes Volk. Denn ihr König hatte beschlossen die kalte Gegend im Norden zu verlassen und weiter im Süden ein neues Reich zu gründen. Das König Hartim II. ab und an verrückte Ideen hatte, war jedem im Volk stets bewusst, aber als er sich einen von einem Drachen bewohnten Berg als den Sitz seiner neuen Hauptstadt aussuchte, hielten ihn endgültig alle für Größenwahnsinnig. In Folge dieser Entscheidung blieb ein Teil des Volkes zurück in der alten Heimat, in der Hoffnung vom Zorn des Drachen verschont zu bleiben, sollte dieser sich zur Wehr setzen. Gatan stellte resigniert fest, dass er und seine Männer die einzigen waren, die den Drachen aufhalten konnten. Sollten sie tatsächlich scheitern, wäre beinahe sein ganzes Volk dem Untergang geweiht. Denn dieses lagerte nur einige Meilen nordwärts an einem Fluss, auf positive Nachrichten wartend. Der Hauptmann war sich sicher, dass der Drache das Unheil auch über sie bringen würde, sobald er hier fertig war.
,,So darf es nicht enden“, sagte er mehr zu sich als zu den Anderen. ,,Wir dürfen ihm unser Volk nicht schutzlos ausliefern!“
Die Erde bebte unter ihren Füßen und ein ohrenbetäubendes Schnaufen hinter ihnen ließ sie alle erschrocken herumfahren. Etwa 40 Meter entfernt von ihnen war der Drache gelandet.
Zu keinem anderen Zeitpunkt konnten sie ihn so genau sehen. Er war noch deutlich größer als er in der Luft bereits den Anschein erweckte. Auf allen Vieren stehend überragte er ein Pferd sicherlich um mehr als das doppelte und von Kopf bis Schwanzspitze war er etwa so lang wie ein umgestürzter Baum. Mit ausgestreckten Schwingen hatte er eine ähnliche Spannweite und sein Gewicht mochte sicherlich mehr betragen als 20 gut genährte Rinder zugleich. Sein ganzer Körper war von einer dicken Schuppenschicht bedeckt, die ihn nahezu unverwundbar machte, lediglich am Bauch und am Hals konnte man eine dicke Hornhautschicht und nur vereinzelte, deutlich dünnere Schuppen erkennen. Doch auch diese baten ihm gegen menschliche Angriffe sicherlich ausreichend Schutz.
Die Farbe seiner Schuppen war ein dunkles, bedrohliches Rot vom Kopf über seinen breiten Rücken bis zum Schwanz. Zur Unterseite des Körpers hin wurde das Rot immer heller bis es ein beinahe durchscheinendes Weiß erreichte. Durch die nahen Brände wirkte sein Äußeres als würde er selbst in Flammen stehen. Dies war ein wahrer Feuerdrache, wie man ihn sonst nur aus Legenden kannte.
Mit seinen smaragdgrünen Augen schien er die Verbliebenden zu mustern, währenddessen leckte er sich mit der Zunge über seine riesigen Zähne. Manch einer behauptete, ein Drachenzahn könne so groß sein, wie die Hand eines ausgewachsenen Mannes. Seine Zähne jedoch waren sicherlich so lang wie ein ganzer Unterarm.
Tiefe Furcht breitete sich in den Soldaten aus, wohl wissend, dass sie nicht mehr fliehen konnten. Einige packten ihre Waffen fester und erhofften sich so einen kleinen Anflug des Gefühls der Sicherheit, ein kleines bisschen Hoffnung zu überleben.
Der Drache öffnete sein Maul und eine dröhnende Stimme, die dem Donner eines Gewitters in nichts nach stand, schallte über die Ebene:
,,Was wollt ihr hier? Das ist mein Reich!“
Den Männern zog sich der Magen zusammen, einer nach dem anderen wurde bleich und blaß. Keiner wagte es zu sprechen, selbst Gatans Mund war trockener als eine Wüste im Hochsommer. Wie gelähmt, starrte er den Drachen an, so als läge ein Bann auf ihm, der es ihm unmöglich machte, seinen Blick von dem roten Ungetüm zu wenden.
Eine tückische Stille baute sich auf, die nur durch das Knistern und Knacken der Flammen im Wald gestört wurde. Dem Hauptmann kam es vor als würden Stunden vergehen. War dies nun ihr Schicksal?
Plötzlich trat Tongun vor. Mit weichen Knien machte er einige Schritte nach vorne auf den Drachen zu und fiel vor ihm auf die Knie. Den Kopf gesenkt sprach er mit zittriger Stimmt: ,,Wir, wir… sind euretwegen hier.“ Er schluckte:
,,Un… unsere Aufgabe ist es … Eu… Euch zu tötötöten.“
Gatan traute seinen Ohren nicht, was tat dieser Nichtsnutz? Einem Drachen zu erzählen, dass man gekommen war, ihn zu töten war in etwa genauso sinnvoll wie mit dem Kopf voran vom höchsten Turm ihrer alten Hauptstadt zu springen. Er versuchte sich aus seiner Starre zu lösen, um dem Jungen das Maul zu stopfen, doch es gelang ihm nicht. Wie seine Gefährten, war er dazu verdammt, tatenlos zu zusehen, wie der Junge ihr Schicksal endgültig besiegelte.
,,Ihr wollt was?“, dröhnte wieder die Stimme des Drachen: ,,Mich töten?“ Ein Laut mit der Kraft von tausend Wasserfällen entrang sich seiner Kehle. Ein tosendes Geräusch, welches man als Lachen zu deuten hatte.
,,Ihr seid einfältiger als ich dachte. Ein Haufen Menschlein, überzeugt von sich selbst einen Drachen zu töten, mich zu töten. Bedauernswert, eure maßlose Torheit, ihr wisst ja gar nicht, wen ihr vor euch habt“, sprach der Drache und richtete sich zu seiner vollen Größe auf, indem er sich auf die Hinterbeine stellte.
,,Ich bin Luton, der Lodernde, auserwählter Herr und Hüter der Schuppe der Reinheit!“
Daraufhin sanken alle Männer vor ihm auf die Knie, selbst Gatan konnte sich dieser unendlich mächtigen und majestätischen Aura nicht erwehren. Er ließ sich ebenfalls nieder und senkte das Haupt.
,,Habt Gnade, oh ehrenwerter und mächtiger Drache, wir wurden ausgeschickt auf diese Mission. Zu keiner Zeit hegten wir Hass oder Groll gegenüber einem Drachen. Wir handelten auf Befehl unseres Herrn, wir hatten keine Wahl.“ Tonguns Stimme war deutlich sicherer geworden. Er sprach mit dem Mute der Verzweiflung. Gatan, immer noch unfähig sich frei zu bewegen und zu sprechen, schüttelte innerlich den Kopf. Es war nicht so, dass er nicht an seinem Leben hing, aber genau dieses zu behalten, indem man einen der mächtigsten Drachen darum bittet, obwohl man diesen zuvor seinerseits töten wollte, war mehr als eine fragwürdige Idee. Es war pure Verzweiflung.
Darüber hinaus hatte Tongun etwas über ihren Herrn verraten, dies war dem Drachen sicherlich nicht entgangen und er würde sich auf die Suche nach diesem Herrn machen und ihn finden. Zusammen mit seinem Volk.
Der Hauptmann realisierte, dass nun endgültig alles verloren war. Der Drache hatte seine Schar besiegt, ihn und seine verbliebenen 10 Männer gestellt und nun auch noch erfahren, dass jemand anderes hinter der Mission steckte. Eine Träne rollte über seine Wange, er hatte versagt.
Wie zur Bestätigung seiner Gedanken sprach der Drache:
,,Soso, euer Herr ist derjenige, welcher hinter eurem Besuch steckt. So will ich ihn meinerseits einen Besuch abstatten und ihm zeigen, wieso man meine Gastfreundschaft nicht in Anspruch nimmt ohne mich vorher zu fragen. Wo kann ich ihn finden? Sprecht!“
Die Männer sackten noch weiter in sich zusammen, jeder begriff nun, was geschehen würde. Ihr ganzer Tatendrang, Mut und Stolz war nichts wert gewesen, und nun ging alles auch noch nach hinten los. Ihr Volk würde untergehen.
,,Meister Drache“, meldete sich Barl zu Wort:,, Gibt es etwas, das wir tun könnten um unsere Schuld und die unseres Herrn zu begleichen? Schickt einen unserer Männer heim, er wird unseren Herrn um Gold und Edelsteine bitten, wählt euren Preis, aber ich flehe euch an, verschont einen jeden Schuldigen, auf das diese aus ihren Fehlern lernen.“
Durchdringend blickte der Drache ihn an, als würde er zögern und in Barls Augen versuchen zu lesen, ob dies bloß Gerede war oder doch ein ernstgemeinter Vorschlag.
Luton schnaufte, er war der Herr über die Schuppe der Reinheit. Die Schuppen waren der wertvollste Schatz, den die Drachen besaßen. Kein Edelstein und keine Menge Gold könnten den Wert einer dieser Schuppen aufbringen.
,,Ich interessiere mich weder für euer Gold, noch für eure Edelsteine. Außerdem, wer sagt mir, dass ihr nicht mit einem neuen Heer zurückkehren werdet um es erneut zu versuchen?“
,,Wir restlichen Männer bleiben als eure Geiseln zurück“, sprach erneut der kleine, aber dennoch kräftige, braunhaarige Mensch. Er war gut genährt, ihn sollte er sich vielleicht als Zwischenmahlzeit aufheben.
,,Wie ich schon sagte, eure Schätze interessieren mich nicht!“ machte der Lodernde deutlich: ,, Versucht erst gar nicht weiter zu verhandeln, ich nehme mir was mir beliebt und nicht was man mir anbietet. Ich werde euch töten und euren Herrn finden… .“ Luton erstarrte. Da war es, das letzte Zeichen. Seine Sinne nahmen es ganz deutlich wahr, das langsame Rieseln und schließlich die Leere. Er musste los, durfte keine Zeit verlieren. Er breitete die Schwingen aus, sah auf die erschrockenen Menschen hinab und sprach: „Das Schicksal hat anders entschieden, ihr bleibt am Leben. Verschwindet hier und kommt nie mehr zurück!“ Dann erhob er sich in die Luft, flog einen großen Bogen und hielt schließlich auf seinen Berg zu. Er dachte sich, dass er sie besser hätte verbrennen sollen, doch er brauchte nun all seine Kraft für das Ritual. Er war spät dran, hatte er doch alle anderen Zeichen schon bemerkt, so durfte er sich eigentlich nicht mehr so lange von seinem Hort entfernen. Das Ritual war wichtig, es durfte nicht fehlschlagen oder gar vergessen werden.
Luton kam an seiner Höhle an und landete auf einem Felsvorsprung. Mit seinen beiden kurzen Armen griff er nach einer etwas größeren Schuppe über seiner Brust. Ein kurzer Ruck reichte und sie löste sich.
Seine Augen leuchteten beim Anblick der magischen Schuppe. Zusammen mit den anderen dreien war sie das wertvollste in dieser Welt, die die Menschen Islonor nannten, auch wenn niemand außer den Drachen ihr Geheimnis kannte. Er blickte zum Himmel, es war höchste Zeit. In weiter Ferne stiegen bereits drei goldene Seelen hinauf.
Der Augenblick war gekommen, sein Schicksal erfüllte sich. Hierfür war er geboren worden. Und hier würde er seinen sterblichen Körper verlassen. Das war der Preis für eine geordnete und friedliche Welt!
Die Schuppe vor sich legend brüllte er mit all seiner Kraft, so dass der Berg erzitterte, sich Risse und Spalten bildeten und mehrere Steinlawinen in die Tiefe stürzten. Während der Hall seines Aufrufs in der Höhle im Berg tausendfach hin und hergeworfen wurde, so dass der ganze Berg zu beben begann, sprach er uralte Worte in der Sprache der Drachen, so wie er sie vor vielen Jahren als Eid für seine Aufgabe das erste Mal gesprochen hatte:
„Schuppe der Reinheit,
irdisches Glück.
Bringe den Frieden
und Ordnung zurück.Seele der Reinheit,
knüpfe dein Netz,
kehre die Welt um
nach altem Gesetz.“
Luton spie seine Flamme auf die inzwischen rötlich schimmernde Schuppe. Sein Feuer steckte sie schließlich in Brand. Langsam lösten sich goldene Schlieren aus der Schuppe und trafen sich in einigen Metern über dem Kopf des Drachen.
Dort verschlangen sie sich ineinander und bildeten schließlich die Form eines Drachens. Dies waren die Seelen von einem der ersten vier Hüter und von allen seinen Nachfolgern. Nach wenigen Augenblicken war der goldene Seelendrache komplett und Luton hauchte ihm mit einem Wort Leben ein.
Daraufhin flog der Seelendrache hinauf in den Himmel, eine goldene Spur hinter sich herziehend. Weit über der Welt traf er sich mit den 3 anderen Seelendrachen um das goldene Netz zu flechten.
Ein jeder flog in eine andere Himmelsrichtung davon und begann so, das Netz zu weben. Am Rande der Welt angekommen, drehten sie um und flogen versetzt zur vorherigen Bahn zurück. Diesem Muster folgend überquerten sie viele Male die Welt, und das Netz wurde immer dichter. Schließlich fanden sie sich alle im Norden am Rande der Welt ein und gemeinsam drehten sie die Weltscheibe einmal um ihre Achse.
Durch das Netz geschützt stürzte niemand in die Unendlichkeit, abgesehen von allem Bösen und von der Schöpfung nicht vorgesehenen Wesen. Sie wurden vom Netz nicht gehalten und verschwanden für immer.
Die Welt war gesäubert, das Ritual so gut wie vollbracht. Jede Seele konnte wieder in ihre Schuppe zurückkehren. Luton beobachtete wie der Seelendrache sich vor ihm über der Schuppe in der Luft hielt. Es fehlte nur noch ein letzter Schritt um das Ritual zu vollenden. Luton musste seine Seele mit dem Seelendrachen vereinen. Dadurch wurde dieser gestärkt und war in der Lage bis zur nächsten Weltendrehung auszuharren. Ein letztes Mal brüllte der Feuerdrache so heftig, dass Teile der Höhle einstürzten und schließlich der ganze Berg in sich zusammen zu fallen schien.
Luton nahm die Schuppe in seine Klauen ,verließ mit seiner Seele seinen sterblichen Körper und verband sich mit dem Seelendrachen. Ein grelles Licht blitzte auf und die vereinten Seelen verschwanden in der magischen, immer noch rötlich schimmernden Schuppe. Ähnliches Geschah an drei weiteren Orten in Islonor, die Weltendrehung war abgeschlossen, ein neues Zeitalter konnte beginnen.
Es dauerte noch einige Momente bis sich auch der letzte Soldat aus seiner Starre gelöst hatte. Keiner konnte wirklich fassen, dass sie noch am Leben waren. Einige fielen sich in die Arme und weinten vor Glück und aus Trauer. Sie hatten viele Kameraden verloren, letzten Endes für nichts. Der Drache war nach wie vor lebendig und zu elft hatten sie nicht den Hauch einer Chance diesen Zustand noch zu ändern.
Niedergeschlagen setzte sich Gatan auf einen kleinen Felsen. Er stützte die Ellenbogen auf die Knie und vergrub sein Gesicht in seinen Händen.
„Es ist nicht Eure Schuld“, sprach einer der Älteren und legte ihm eine Hand auf die Schulter. Der Hauptmann sah den knapp zehn Jahre älteren Recken dankbar an. In dessen Augen sah er noch die Furcht vor dem Drachen, aber auch die Erfahrung um diese Schrecken zu verarbeiten. Er würde den Grauhaarigen jetzt brauchen um sich den Jüngeren anzunehmen.
„Helft mir die Anderen aufzurappeln, lasst uns diejenigen bestatten, die nicht schon zu Asche geworden sind und zusammen suchen, was noch zu gebrauchen ist. Danach machen wir uns auf den Weg zum König. Wir sollten nie wieder hierher zurückkehren.“ Der Ältere nickte bloß und machte sich sofort an die ihm gestellte Aufgabe. Gatan seufzte, sie würden in Schmach zurückkehren.
Mehrere Minuten lang untersuchte Barl seinen linken Arm und fand schließlich einen langen Holzsplitter, der in seinem Unterarm steckte. Sicherlich hatte sich dieser in seinen Arm bohren können, als er im Wald vor den Feuerbällen des Drachen Schutz auf dem Boden suchte. Vorsichtig und mit schmerzverzerrtem Gesicht zog er den Splitter hinaus und träufelte etwas Wein auf die Wunde um sie zu desinfizieren. Auch wenn es nur eine kleine Wunde war, so konnte sie sich doch entzünden. Er war froh, dass die Heiler seines Volkes die hilfreiche Eigenschaft des Weines erkannten und seitdem jede Einheit, die länger als zwei Tage fort ritt, einen kleinen Vorrat des durchaus köstlichen Wundermittels bei sich zu führen hatte. Nach der Prozedur band er sich ein Stück Stoff, dass er von seinem Umhang abschnitt, um seinen Arm damit die leichte Blutung gestoppt wurde. Gerade als er den letzten Knoten machen wollte, kam Tongun ihm zur Hilfe. „Lass mich das machen, mit einer Hand ist das doch viel zu mühsam!“
Barl nickte dankend und ließ den Jungen gewähren.
„Welch ein imposantes Geschöpf“, murmelte Tongun vor sich hin, als er den Knoten fest zog. „Der war ja riesig!“ Verdutzt schaute Barl seinen Helfer an und fragte sich, ob dieser das Geschehene bereits vergessen hatte. Schließlich hatte der Drache mehr als einhundert ihrer Kameraden verbrannt oder zerfetzt, Bewunderung war vollkommen fehl am Platze. „Hör zu Junge, Drachen sind tückisch und wahnsinnig gefährlich! Wir können von Glück reden, dass uns dieses Monster nicht getötet hat und wir noch am Leben sind,“ versuchte er ihm ins Gewissen zu reden. „Aber er fasziniert mich, ich würde gerne mehr über ihn erfahren“, erwiderte der Jüngere.
„Tongun“, mischte sich Gatan unabsichtlich in die aufkeimende Diskussion ein: „Hilf den Beiden hier nach brauchbarem Proviant zu suchen.“ Er deutete auf zwei der Soldaten, die bereits damit begonnen hatten die Rucksäcke der Toten auf unversehrte Lebensmittel und noch dichte Wasserschläuche zu durchsuchen.
Noch bevor sie überhaupt etwas finden konnten, zerriss ein erneutes lautes Brüllen die Luft. Panisch und hektisch suchten elf Augenpaare den Himmel ab, der Drache war jedoch nirgends zu sehen. Nur wenige Sekunden später begann stattdessen die Erde zu zittern. Um Gleichgewicht bemüht blickten sie schließlich alle den Berg hinauf, welchen sie als Ursprung des Bebens vermuteten. Erschrocken beobachteten sie, wie die Bergflanken Risse bekamen und Steinlawinen die Hänge hinab rollten.
„Was geht dort nur vor sich?“, fragte Barl: „Ist das der Drache?“
Wie zur Bestätigung seiner Überlegung sahen sie im dem Moment ein kräftiges, rotes Leuchten hoch oben auf dem Berg. Dies konnte nur ein sehr starkes und kräftiges Feuer sein. Und dass der Drache in der Lage war ein solches Feuer hinauf zu beschwören, hatten sie alle miterleben müssen.
Während sich die Anderen wieder an die Arbeit machten, starrte Tongun weiterhin zum Gipfel des Berges, er war noch immer total von dem Drachen fasziniert. Somit war er der Einzige, der den leichten goldenen Schimmer auf dem Berg wahrnahm. Er blinzelte und versuchte genauer zu erkennen was er dort sah. Jedoch ohne Erfolg. Kurze Zeit später war das Schimmern nicht mehr auszumachen. Nachdenklich machte auch er sich wieder daran, nach brauchbarem Proviant zu suchen.
Mit seinem Schwert stocherte er gerade in einem halb verkohlten Rucksack herum, als die Gruppe erneut von einem kräftigen Brüllen aufgeschreckt wurde.
Zu ihrer Erleichterung war von dem Drachen abermals nichts zu sehen. Besorgt waren sie dennoch alle, denn einen weiteren Angriff würde keiner von ihnen überleben. Obwohl sie ein erneutes Beben erwartet hatten, wurden sie trotzdem überrascht. Das zweite Beben war noch deutlich intensiver und dementsprechend fataler für den Berg.
Nach und nach brachen ganze Hangstücke ab und schossen den Hang hinab, gewaltige Gesteinsbrocken rollten mit enormer Geschwindigkeit noch einige Kilometer weiter in die Landschaft. Und schließlich stürzte der Berg, mit einem Ohren betäubendem Lärm, komplett in sich zusammen. Eine riesige Staubwolke breitete sich ringförmig um den Berg aus und hüllte die Umgebung ein.
Gatan war gerade noch in der Lage den Befehl zum Sammeln zu geben, dann waren sie auch alle schon in der Staubwolke verschwunden. Der anhaltende Lärm und die stark eingeschränkte Sicht machte es den Soldaten jedoch nahezu unmöglich den Befehl in die Tat umzusetzen.
Es dauerte mehrere Minuten bis man wieder einigermaßen sehen konnte. Rasch hatte sich die Gruppe zusammen gefunden und betrachtete das Umfeld. Ein leichter Wind trieb die Staubwolke mehr und mehr auseinander und gab den Blick auf ein Feld der Verwüstung frei. Der eben noch so große und majestätische Berg sah aus, als hätte ein gigantischer Riese mit einem gewaltigen Schwert die oberen zwei Drittel nahezu gerade vom Fuß des Berges getrennt. Dadurch war eine Art Plateau entstanden.
Erst nachdem sie mehrere Augenblicke auf das Maß der Zerstörung geblickt hatten, stellten sie fest, dass Tongun fehlte. Hektisch blickten sie sich um, konnten ihn aber nirgends entdecken. Rasch teilten sie sich in Zweiergruppen auf und begannen das Gesteinsfeld zu durchkämmen, in der Hoffnung den Jungen noch lebend zu finden. Einen weiteren Verlust wollten sie nicht ertragen müssen. Immer wieder riefen sie seinen Namen, bekamen aber nur leichtes Grollen als Antwort, wenn sich hier und dort noch weitere Steine lösten und den restlichen Hang hinab polterten. Doch sie wollten noch nicht aufgeben, möglicherweise war er nur bewusstlos. Doch je länger sie suchten, umso mehr sank die Hoffnung.
Tongun öffnete die Lider, nahm die Hände, die er schützend erhoben hatte, vom Kopf und rieb sich die Staubkörner aus den Augen. Langsam richtete er sich auf und bemerkte seine schmerzende Hüfte. „Glück gehabt“, dachte er, nachdem er sie vorsichtig abgetastet hatte. Als die Staubwolke über die Truppe herein brach hatte er kaum noch etwas sehen können, doch plötzlich war ein Felsbrocken von mindestens zwei Meter Durchmesser vor ihm aufgetaucht und nur dank seiner guten Reflexe hatte er verhindern können, dass der Brocken ihn mitriss.
Stattdessen hatte der Stein ihn an der Hüfte gestriffen und zu Boden geschleudert. Tongun schaute sich um.
Von seinen Kameraden fehlte jede Spur. Es kam ihm logisch vor, dass er sie nicht direkt sah, denn zu dem Zeitpunkt als die Staubwolke ankam war er gerade etwas weiter weg gewesen. Außerdem war er umgeben von kleineren und größeren Gesteinsbrocken die ihn teilweise sicherlich nur knapp verfehlt hatten.
Mit scherzverzerrtem Gesicht bückte er sich, hob sein Schwert auf und wollte sich auf den Weg in die Richtung machen, wo er den Rest vermutete, als er aus dem Augenwinkel ein leichtes rötliches Schimmern wahrnahm.
Aber so sehr er sich auch anstrengte, konnte er die Ursache dafür nicht sehen.
Also beschloss er sich die Sache genauer anzusehen. So gut es ging verfiel er in einen leichten Trab um danach möglichst schnell zu den Anderen zurückzukehren.
Erst als das Schimmern alle Steine um ihn herum Blutrot erschienen ließ und er hinter einem ganzen Haufen von großen Brocken ein leichtes Zischen hörte, blieb er stehen und beschloss sich leise weiter anzuschleichen. Ganz langsam umrundete er den Gesteinshaufen und spähte um den letzten Brocken der ihm noch die Sicht versperrte. Tonguns Herzschlag setzte kurz aus, so sehr erschrak er. Wie angewurzelt starrte er auf den Grund des rötlichen Leuchtens:
Eine Drachenschuppe, in den Klauen ihres Besitzers.
Es dauerte einen Moment, bis Tonguns Verstand alle Einzelheiten erfasst hatte und feststellte, dass der ehemals stolze und mächtige Drache tot war. Mehrere klaffende, blutende Wunden aus denen das leise Zischen kam, so wie gesplitterte Knochen die aus den Hinterläufen ragten und ein unnatürlich nach hinten verdrehter Kopf ließen keinen Zweifel daran, dass der Drache den Einsturz des Berges nicht überlebt hatte.
Dennoch war er umgeben von einer uralten, weisen und magischen Aura, die Tongun schließlich dazu brachte sich dem Leichnam des Drachens weiter zu nähern. Seinen Blick nur auf die schimmernde Schuppe gerichtet wich er mit traumwandlerischer Sicherheit jedem potenziellen Stolperstein aus und stand letztlich vor der Schuppe.
Erst jetzt bemerkte er die Rufe nach seinem Namen und die in den Stimmen mitklingende Sorge und Angst. „Hier bin ich“, rief er als Antwort und kniete sich vor die Schuppe. Behutsam versuchte er den Griff der Drachenklauen um die Schuppe zu lösen, aber erst mit Hilfe seines Schwertes und unter dem Aufwand seiner ganzen Kraft gelang es ihm die Schuppe frei zu bekommen. Mit beiden Händen nahm er sie an sich und gerade als Gatan und die Anderen um die Ecke gelaufen kamen, zerfiel der Drache zu Staub.
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